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Laut Wettervorhersage sollte es nicht regnen und nur ein mäßiges Lüftchen blasen. Aber natürlich war das genaue Gegenteil der Fall. Wir machten uns selbstverständlich trotzdem auf den Weg nach Landmannalaugar. Diesmal bekamen wir den Wind die meiste Zeit von der Seite ab, was uns auch auf kerzengeraden Abschnitten eine sensationelle Schräglage ermöglichte. Ich beobachtete gespannt im Rückspiegel, ob Micha noch einen Knieschleifer packt, während ich selbst verbissen darum kämpfen musste auf der Straße zu bleiben. Ohne mein schweres Übergepäck hätte es mich bestimmt weggeweht.
Das erste mal auf der Tour hatten wurden wir kurz etwas nervös wegen unserer Spritversorgung. Beide Kisten liefen schon längst mit dem „Bensin“ aus der Reserve, als wir feststellen mussten, dass unsere angepeilte Tankstelle nur noch auf dem Papier existierte. Ein LKW-Fahrer schickte uns ca. 15km in die entgegen gesetzte Richtung zum Tanken. Später fanden wir heraus, dass wir nur 5km hätten weiter fahren müssen. C’ est la vie.
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Endlich in den Highlands angekommen, trafen wir ein paar Isländer, die zum Angelausflug unterwegs waren. Sie hatten nicht nur mit dem Wind und ihrem kleinen Bootsanhänger zu kämpfen, sondern auch mit ihrem Grand Charokee.
„Fuckin american junk! Next time I buy an Audi“
Die Herren staunten nicht schlecht, als wir spontan unser Werkzeug- und Ersatzteillager ausbreiteten und Micha kurzerhand den ollen Jeep von seinen Startproblemen befreite. Zum Dank gab’s Bier und Trockenfisch. Micha konnte nach einem ordentlichen Bissen mit seinem heraus gepressten „mmh, lecker“ nicht wirklich überzeugen. Das Gegenteil war ihm anzusehen. Ich fand das Zeug in Verbindung mit Butter und Bier gar nicht so schlecht.
Vermutlich lag es dann aber eher am Bier als an dem mords gesundem Trockenfisch, dass das Fahren bei dem Wind fortan viel geschmeidiger von statten ging. So verließen wir bald die Teerstraße und brausten  beschwingt das letzte Stück Dirt-Track nach Landmannalaugar hinein.
Nach ein, zwei überraschend feuchten Furten erreichten wir klatschnass und zufrieden unser angepeiltes Tagesziel.
Die einzige Hütte in dieser Gegend sah toll aus, aber leider hatten wir den Schafabtrieb nicht auf dem Schirm. Der fand dort an genau diesem Tag statt und die Schäfer haben kurzerhand die komplette Hütte gemietet. Zelten war eine weniger erfreuliche Aussicht. Wir waren komplett durchnässt, und es herrschten eher winterliche Temperaturen.
Bei einem Kaffee entschieden wir uns deshalb, bis zur nächsten Herberge weiter zu fahren, obwohl uns ein älteres, englisches Pärchen vor „terriblen“ Wegen warnte und wir es wohl nicht mehr bei Tageslicht dorthin schaffen würden. Fräulein Hüttenwart war da zuversichtlicher. Wir auch.
Was wissen die alten Leute mit ihrem dicken Jeep schon von schlechten Straßen. ;-)
Kaum losgefahren raste ich voller Elan durch die erste Furt und würgte an der tiefsten Stelle prompt das Mopped ab. Geschwindigket alleine hilft nichts bei Wasserdurchfahrten. Eine gesunde und konstante Drehzahl ist hierbei viel wichtiger. Nach gefühlten 100 erfolglosen Kicks überlegten wir schon wieder umzukehren und doch zu Zelten, als die XT doch endlich wieder die ersten Zuckungen von sich gab. Kurz darauf lief sie auch wieder schön rund und ich drehte voller Betz am Gashahn, fest entschlossen die vor uns liegende Offroadstrecke noch im Tageslicht zu meistern.
Das ging nur so lange gut, bis nach ein paar Kilometern ein Jeep um die Ecke kam.
Da man um diese Jahreszeit im Gelände höchstens ein, zwei Autos am Tag trifft, kann man sich schon mal erschrecken, wenn man unvermittelt einem großen, vierrädrigen Blechhaufen in freier Wildbahn gegenüber steht.
Ich erschrak mich jedenfalls ganz fürchterlich und statt einfach zu bremsen wollte ich ausweichen. Tiefer Sand, Vorderrad weg, und Tschüss. Ich legte mich zum ersten mal auf dieser Tour lang. Und das, wie ich finde, sogar einigermaßen spektakulär. In der Folge zum Glück nur mit ein paar überschaubaren Schäden am Material. Der Lenker war etwas verbogen, ein Stückchen von Bremshebel abgebrochen und der Koffer samt Halterung etwas demoliert. Nichts, was sich nicht vor Ort richten lies. Der Koffer wurde mit dem Fotostativ wieder in Form gedengelt und der Rest zurecht gebogen.
Weiter ging der Endurospaß, zur Abwechslung, bei null Sicht. Nebel zog auf und wir bekamen leider überhaupt nichts von der vermutlich grandiosen Landschaft um uns herum mit. Das Fahren wurde dadurch allerdings nur noch spannender. Es hat uns trotz der Kälte und den ca. 20 teils sehr tiefen und breiten Furten einen enormen Spaß bereitet. Zum Frieren ist bei so anspruchsvoller Strecke keine Zeit, auch wenn einem die kalte Suppe vom Kragen bis in die Stiefel läuft.
Schade war nur, dass der Nebel und der Regen nicht nur die Sicht, sondern auch konsequent alle Fotoaufnahmen, insbesondere von unseren Furten-Stunts, erfolgreich verhindert hat.
Die letzten paar Kilometer, als es schon längst dunkel war, fuhren wir über langweilige Asphaltstraßen. Dabei verbündeten sich Feuchtigkeit und Kälte schnell zu fiesen Spaßbremsen. Wir schlotterten auf unseren Moppeds vor uns hin, und sehnten uns nach einer Herberge.
Dort angekommen, mussten wir erst mal herzlich lachen. Denn vor der Herberge stand die BMW von Markus und Marina. Auch die beiden hatten offenbar kurzfristig ihre geplante Route geändert.
Die beiden zogen aber im Gegensatz zu uns gleich am nächsten Tag weiter. Micha legte einen Ruhetag ein und ich cruiste ohne Gepäck los. Nur mit einem Notizzettel bewaffnet auf dem eine lange Zahlenfolge stand, die mich, weit abseits von Straßen und Wegen, zu der Position eines vor Jahren abgestürzten Flugzeuges führen sollte.
Ich hatte im Internet zusätzlich noch eine Anfahrtsbeschreibung recherchiert: „hinter der Brücke links durch das nicht abgeschlossene Tor, durch eine Fuhrt, dann links und ewig geradeaus.“ Las sich einfach. Der Autor hatte bloß vergessen zu erwähnen, dass es komplett durch Tiefsand, ohne Wege, ohne Spuren, ohne Orientierungspunkte geht.
Komisches Gefühl, wenn man seit Wochen immer mindestens zu zweit unterwegs ist und genau dann sein Mopped mitten im Nirgendwo bis zum Bodenblech im Sand eingräbt, wenn man alleine ist.
Als ich die XT wieder ausgebuddelt hatte und das GPS irgendwann endlich piepsend vermeldete ich hätte mein Ziel erreicht, war von einem Wrack weit und breit immer noch nichts zu sehen. Eine letzte Düne wollte ich noch bezwingen und dann wieder umkehren. Doch als mich mich den Sandhaufen hinauf gequält hatte lag die alte DC3 auf einmal wie ein Fata Morgana vor mir. Mitten im Nichts. Geile Sache.
Zurück auf der Straße war ich dann wesentlich Schneller, da ich auf die Wegbeschreibung pfiff und einfach nach GPS gen Norden fuhr. Fünf Minuten vergleichsweise einfache fahrt und fertig. Hätte ich nicht nach der dämlichen Wegbeschreibung gegoogelt, hätte ich es vermutlich auch schneller und einfacher gefunden. Aber so blieb die Freude über ein weiteres kleines Abenteuerchen, dass die XT mit mir gemeistert hat.
Am Tag darauf wartete eine relativ anspruchslose Asphaltetappe auf uns, die uns an unserer letzten geplanten Sehenswürdigkeit vorbeiführte. Dem Gletschersee Jökulsárlón. Man spürte es deutlich, als wir dem Eissee näher kamen. Es wurde nämlich mit jedem Meter noch etwas kälter. Da wir die komischen kleinen Miniflaschen aus dem Duty Free Shop der Fähre schon bei unserer ersten wetterbedingten Zwangspause geleert hatten, musste der Cubra Libre mit frischem Gletschereis leider ausfallen.Wir wärmten uns stattdessen mit einem heißem Kakao während wir ein paar Robben im See beobachteten.
Michas DR zickte später ein wenig und ging alle paar hundert Meter aus. Aber der Fehler war glücklicherweise schon bald nach dem nächsten Tankstopp behoben. Der Vergaser schaffte es wohl einfach nicht, die letzten zwei Liter Sprit aus dem Plastiktank zu nuckeln.
Bei der nächsten Herberge trafen wir wieder, ohne uns abgesprochen zu haben, auf Marina und Marcus. Und von hier ab war der Abenteuerteil der Reise auch schon wieder zu Ende.
Wir fuhren am nächsten Tag nur nochmal bei miesem Wetter zur nächsten Herberge, in der Nähe der Fähre. (Sicher ist sicher. ;) )
Dort blieben wir noch zwei Nächte und vergammelten die Tage, bevor wir unsere Motorräder wieder im Bauch der Norröna verzurrten und in See stachen.
Die Fährfahrt verlief diesmal sehr ruhig und im Gegensatz zur Anfahrt, wo der Schock der verkorksten Anfahrt und die Vorfreude der Reise die Tage wie im Flug vergingen ließen, war es nun irgendwie ziemlich langweilig.
Die restliche Heimfahrt von Dänemark aus würde ebenfalls sehr langweilig werden, dachte ich, wollten wir doch auf dem schnellsten Weg komplett über die Autobahn nach Hause tuckern.
- Aber dazu kam es nicht.
Als es so weit war, gab die XT nämlich mal wieder keinen Mucks von sich.
Nach einigem ausprobieren und gescheiterten Versuchen der üblichen Starthilfeprozeduren, schickte ich Micha auf den Heimweg. Er konnte ja doch nichts ausrichten und außerdem wollten wir uns sowieso spätestens nach der deutschen Grenze trennen. Sollte wenigstens er es noch an diesem Tag nach Hause schaffen.
Also schob ich die Kiste erst mal aus dem Zollbereich heraus und schraubte und kickte noch 1,5 Stunden vergeblich weiter, dann rief ich den ADAC. Die 1.000 Kilometer Autobahn könnte ich genauso gut, vielleicht sogar besser, in einem Abschleppwagen hinter mich bringen, wunschdachte ich mir.
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Natürlich schickte der ADAC mich, als nach drei Stunden der dänische ADAC-Partnerabschlepper aufgetaucht war, nicht nach Hause, sondern zur nächsten Werkstatt. An einem Samstag Nachmittag ist da aber logischerweise nichts mehr zu holen.
Ich sollte derweil ins Hotel. Dann hieß die Parole aber: Mietwagen. Dann Bahn, wieder Hotel und schließlich sollte doch ein Abschleppwagen kommen. Dann doch wieder nicht.
13 Telefonate und 9 „Agenten“ später fuhr ich also entnervt wieder zur Werkstatt und versuchte dort auf dem Hof die XT selbst wieder irgendwie fahrtauglich zu bekommen.
Ich vermute die Nachbarn waren über den wild fluchenden, verlodderten Kerl, der im Schein der Taschenlampe auf dem Hof der örtlichen Honda-Vertretung ein Motorrad zerlegt, etwas verwundert und riefen den Inhaber. Der kam nämlich spät am Abend überraschend vorbei.
„Ey, was machst Du hier auf meinem Hof? Was soll das?“ – Hatte ich zu hören erwartet. Hörte ich aber nicht.
Ohne groß Reden zu schwingen öffnete er die Werkstatt, schob seinen Werkzeugwagen heraus und fing an nach dem Fehler zu suchen. Wir schraubten noch fast 3 Stunden zusammen, plünderten einige Teile aus der SR seines Kumpels, bis er kurz vor Mitternacht meinte, es müsse die Zündspule sein und er werde jetzt losfahren um eben so ein Teil zu besorgen.
Ich sollte am nächsten Morgen um 10 wieder an der Werkstatt sein.
Morgen früh hieß in diesem Fall Sonntag früh und ich äußerte deshalb meine Bedenken über die entstehenden Kosten.
„I do not want money, I just want see you ride home on your bike.“ brummte er und fuhr mich zum nächsten Campingplatz.
Als ich am nächsten Morgen an der Werkstatt ankam, war die Zündspule schon fertig eingebaut. Gebracht hat es aber leider nichts.
Nach einer Weile tüfteln und probieren vermutete der Meister den Fehler in der Spule unter dem Polrad (wie heißt das Ding eigentlich?).
Torben telefonierte wie wild durch die Gegend, musste mir aber letztendlich mitteilen, dass er das Ersatzteil beim besten Willen nicht auftreiben könne. Es könne durchaus bis Mittwoch/Donnerstag dauern, bis er das Teil bekommt.
Shit. Das war’s dann wohl. Nach ein paar letzten, verzweifelten Tritte in den Kickstarter stand fest, dass ich mit dem Zug nach Hause müsse um in ein, zwei Wochen die XT wieder abzuholen.
Mein letzter Versuch auf zwei Rädern den Heimweg anzutreten, bestand in meinem Tauschangebot XT gegen 50er DAX.
Den Deal lehnte er leider ab, bot mir dafür aber diverse Leih-Motorräder zur Auswahl mit denen ich nach Hause fahren könne.
Aus organisatorischen Gründen (Gepäck, Versicherung, ADAC-Abrechnung) musste ich darauf aber verzichten.
Also lies ich mich zum Bahnhof kutschieren, organisierte per Telefon von meinem Kollegen eine passende Zugverbindung und verbrachte die nächsten 16 Stunden im Zug. Und gegen die Langeweile durfte ich mindestens alle 60 Minuten Umsteigen. Hurra!
Am darauf folgendem Donnerstag kam, wie voraus gesagt, die SMS, dass die XT „für die nächsten 40.000km“ bereit wäre.
Also stieg ich Freitags Abends wieder in die geliebte Bahn und stand, diesmal nach nur 13 Stunden Zugfahrt, samstags Morgens wieder vor der Werkstatt. Die XT stand repariert, geputzt und fertig bepackt auf dem Hof.
Nach einer mickrigen Bezahlung meinerseits und einem kurzen, herzlichen Plausch ging es wieder Richtung Deutschland. Diesmal auf zwei Rädern, wie es sich gehört.
Mit aufgehender Sonne, kam ich ohne nennenswerte Panne am nächsten Tag nach insgesamt 36 Stunden on Tour wieder zu Hause an und damit war diese Reise mit leichter Verzögerung schließlich erfolgreich beendet.
Und ich würde sowohl die verkackte Anfahrt, als auch die nervig unterbrochene Heimreise jederzeit wieder für so eine fantastische Tour nach Island in Kauf nehmen.
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P.S.: Allgmeine Reise-Infos, nützliche Links und meine GPS-Daten gibt’s demnächst auf www.twittiods.de
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Special Thanks to:
Micha für die Begleitung. Jederzeit wieder! +++ TK-Motor Dänemark, für die unglaubliche
Hilfsbereitschaft! +++ Meiner Twitter-Timeline für die tolle Unterstützung bei der
chaotischen Anfahrt +++ Dem Hüttenwart in Hveravellir, für den lustigen Total-Absturz
+++ Kollege Ziewel, für die Urlaubsgenehmigung und -Unterstützung +++ Alex, für das
Abschiedskommitee +++ Bert & Manfred für die Hilfe an der XT +++ Biki, die uns mit
ihrem Blog erst auf die Idee brachte +++ Erik Peters, für die Tipps und GPS-Daten +++
Marina und Markus, für die nette Gesellschaft