Ei gude Regen, moin Wind. Wir hatten euch schon vermisst. Nicht.

Aber hey, dann lassen die Zelte einfach stehen und versuchen uns heute mal im Walfang. Dabei würden wir wohl nicht weniger nass werden, müssen aber wenigstens nicht unser Camp abbauen.

So fuhren wir also nach dem Frühstück zum Hafen, heuerten auf einem kleinen Holzkutter namens Bjössi Sör an und schipperten hinaus in die unbekannte, wilde See. Es herrschte immer noch recht unwirtliches Wetter, aber das machte mir mittlerweile nichts mehr aus.

„Du da. Aufentern!“
„Ay ay, Sir.“
Und so stand ich zum ersten Mal oben im Ausguck. Alles Bewusstsein in mir ausgelöscht. Eins mit dem schlingernden Schiff…
„Wal, da bläst er! Da bläst er!“
„Wo? Wie viele?“
„Steuerbord voraus, Mr. Stubb!“

Die Mannschaft rannte aufgeregt nach Steuerbord, und machte sich bereit zum Schuss.
„Da! Da bläst er!“
Die Spiegel klappten nach oben, die Kiefer nach unten, die Blenden öffneten sich und die Lichtreflexionen eines Buckelwals wurden einmal mehr hundertfach auf Chips gebannt.
Mission Accomplished.


Nachhaltig beeindruckt, aber nach erfolgreicher Jagd nun doch etwas müde und am frösteln, steuerte uns Kapitän Ahab wieder auf Kurs Heimathafen und lies dabei ordentlich den Diesel brüllen.

Beim Aufwärmen in einem schmucken Kaffee am Hafen kam Micha mit der Besitzerin ins plaudern und wir wurden für den nächsten Morgen zum Strand eingeladen. Ein großes Fest sollte es geben und ein großes Feuer und Freibier und Chio-Chips und …..

Alles zu Ehren von Riaan Manser und Dan Skinstad, die vor 6 Monaten mit einem Kayak aufgebrochen sind um die gesamte Insel zu umfahren. Die beiden verrückten sollten an diesem Morgen ihren Zieleinlauf im Hafen von Husavik feiern. Allerdings war bei unserer Ankunft am Nächsten Morgen außer der Kameracrew, die diese Aktion für eine Fernsehserie filmten (Trailer: http://vimeo.com/22645373 ), kaum jemand da. Die beiden Kajak-Helden paddelten aufgrund des Wetters nämlich ihrem Zeitplan um satte 5 Stunden hinterher.

Uns wurde die Warterei irgendwann zu bunt. Wir wollten wieder am Gashahn drehen. Und zwar Richtung Myvatn, dem Mückensee!

Leider hält der Name des Sees was er verspricht. Nur gut dass er nicht Stechmückensee heißt. So konnte man diese kleinen Flugbiester einigermaßen ignorieren, zumindest wenn sie nicht gerade aufgrund des überfüllten Luftraumes meine Körperöffnungen als Landebahn missbrauchten.
Ich lies mich einmal mehr von Micha bekochen und die Welt war in Ordnung. Obwohl spätestens ab hier das heiße Wasser im Bad, und nicht selten auch die Luft, grundsätzlich nach faulen Eiern stank. Vor allem morgens beim Zähneputzen war das eine gewöhnungsbedürftige Angelegenheit, denn da half dann auch kein Schnupftabak mehr.
Während der weiteren Tour entschädigte uns Mutter Natur allerdings immer äußerst großzügig für ihren Gestank. Entweder beeindruckte sie uns mit phänomenalen Fotomotiven während ihrer Furzerei oder sie kredenzte uns einen einen HotPot zum entspannten Plantschen. Oftmals beides. Herrlich!

Für uns ging es am nächsten Morgen direkt weiter zum Askja, einem großen Vulkan im Hochland. Bis dahin lagen ca. 160km Fahrt vor uns und davon gut 90km allerfeinste Endurostrecke durch tiefen Sand, breite Furten, groben Schotter und außerirdisch anmutendem Lavalandschaften.

Wir wurden von ein paar Mopedfahrern vor dieser Strecke gewarnt. „Die Lindaa ist ganz üble Furt! Und dann noch Kilometer lange Tiefsand-Strecken, da kommt ihr mit dem Motorrad niemals durch! Schon gar nicht mit der schweren BMW!“ Hätte mir das Isländer gesagt, wäre ich beunruhigt gewesen. Es war aber nur ein Deutscher und eine offensichtliche Schwätzbacke noch dazu. Also kein Grund zur Sorge, sondern zu gesteigerter Vorfreude.

Auf dem Hinweg entschieden wir uns für die östliche Route auf der F905 und F910. Diese Alternative versprach wohl schwierigeres Gelände, aber weniger tiefe Furten, als die F88, auf der wir am nächsten Tag zurück zum Myvatn poltern wollten.

Wir sollten mit unseren Erwartungen nicht enttäuscht werden. Die Landschaft war einfach großartigst, die Strecke richtig tough, aber trotzdem größtenteils gut fahrbar, und wir sahen den ganzen Tag kaum eine Menschenseele. Das Wetter war wohl etwas durchwachsen, aber für isländische Verhältnisse perfekt.

Unsere ersten „richtigen“ Wasserdurchfahrten bescherten uns viel Spaß und nasse Füße, aber keine nennenswerten Probleme.

Nur das letzte Stück durch den feinen, tiefen, tiefschwarzen Lavasand brachte uns dann doch noch etwas ins Schwitzen. Vor allem Markus hatte hier mit dem Gewicht der Maschine, Gepäck und Sozia zu kämpfen und machte sich hin und wieder mal lang.

Auch Micha erlaubte seiner DR sich zwischendrin mal kurz hinzulegen und auszuruhen. Ich dagegen blieb stur. Die XT musste durchackern oder im Stehen verschnaufen. Das quittierte mir die olle Zicke umgehend mit einem Schalthebel der nicht mehr hebelt.

Als ich auf die letzten Metern unfreiwillig im dritten Gang dahin zuckelte und der Weg keine Herausforderung mehr darstellte, wurde ich mir schlagartig der Kälte bewusst. Was mich wunderte, denn ich fuhr bereits seit mehreren stunden bei 5°C mit patschnassen Füßen durch die Gegend. Sollte ich nicht schon längst bibbern und schlottern? Aber es blieb eben einfach keine Zeit zum frieren. Zu eindrucksvoll war die Umgebung und die optischen Reize beanspruchten mein Hirn bis in die letzten Synapsen. Trotzdem hoffte ich, dass wir in Dreki, unserem Ziel unweit des Askja, noch einen Platz in einer warmen Hütte bekommen würden.

Fräulein Ranger war einigermaßen überrascht, dass zu der späten Jahreszeit noch ein paar Mopedfahrer vorbeikommen und wir wiederum waren angenehm überrascht, dass wir als einzige Gäste die riesige 50-Betten-Hütte beziehen konnten.
Für diese Abgeschiedenheit und Ruhe vor Touristen nehme ich immer wieder gerne etwas Regen und Kälte in Kauf. Möchte nicht wissen wie es hier im Sommer, also im Juni, zugeht.

Während drinnen aus diversem Tütenzauber das Abendessen gebastelt wurde, fixte ich meinen Schalthebel so weit, dass ich es zumindest wieder mit angemessenem Fahrspaß in die Zivilisation schaffen würde. So stand einer extrem zufriedenen Nachtruhe nach dem Abendmahl nichts mehr im Wege. Razepü.

Fräulein Ranger hatte uns ausdrücklich verboten, Stiefel und Klamotten am Ofen zu trocknen. Verpennt und verfroren am nächsten Morgen in die klitschnassen und kalten Stiefel zu steigen, war nicht so der Brüller, machte aber wach und es stand sowieso als erstes ein kleiner Fußmarsch zum Askja an. Dabei konnten die Sohlen wieder auf Betriebstemperatur kommen.

Der Askja gehört, neben Katla, Hekla und Grimsvötn, zu den vier gefährlichsten Vulkanen der Insel. Das Biest ist für die einige der heftigsten Eruptionen der Insel verantwortlich. Sogar Europa wurde dabei noch teilweise von einer Ascheschicht überzogen. Das Lavagestein, über das wir die Mopeds trieben, stammte vom letzten Ausbruch 1961.
Bei einer der früheren Eruptionen stürzten große Teile des Vulkans ein und bildeten den mit 200m tiefsten See Islands.
Demnächst soll er wieder erwachen, der Askja, und dann wird mit dem heftigsten Ausbruch seit 150 Jahren gerechnet.
Aber während unserem Besuch lies er sich davon noch nichts anmerken.
Nur das Wetter zeigte uns mal wider seine Kreativität.
Hatte ich gerade noch im T-Shirt schwitzend in die Sonne geblinzelt, sah ich nächsten Moment fassungslos dabei zu, wie die schwarze Lavalandschaft von einem weißen Hagelkornkleidchen überzogen wurde. Kaum hatte ich die Regenklamotten an, brauchte ich wieder die Sonnenbrille. Grrr. „Ihr scheiß infantilen Wettergötter! Hört endlich auf euch über mich lustig zu machen!“
Sie gehorchten.

Die F88 zurück zum Myvatn war easy zu fahren und auch die Furten wurden den warnenden Hinweisen anderer Reisender nicht wirklich gerecht. Wir pflügten uns problemlos durch’s Wasser und flogen schneller über die Waschbrettpisten, als wir mit den Kisten auf der Autobahn je gefahren sind. Bis mein linker Fuß irgendwann wieder unvermittelt ins leere wippte. Schalthebel dritter Akt.

Den nächsten Tag wollte ich für die dringend notwendige XT-Pflege nutzen und danach vielleicht noch ohne Gepäck auf eine Sightseeing-Tour rund um den See aufbrechen.

Für mein Schalthebel-Problem benötigte ich letztendlich aber professionelle Hilfe, da auch alle weiteren Reparaturversuche mit unseren stark eingeschränkten Mitteln scheiterten. Wir machten uns also auf die Suche nach einem Schweissgerät und der Hebel wurde kurzerhand sehr nachhaltig mit der Welle verbunden. Gewiss keine elegante Lösung, aber dafür um so effektiver.
Es folgte eine Rundfahrt um den See und ein Abstecher auf einen kleinen Geländepfad, auf dem wir in einer scheinbar kleinen Pfütze fast ersoffen wären. Was eine Gaudi! 🙂

Irritiertes erwachen am nächsten Tag. Unsere Taktik, möglichst schnell das karge Hochplateu des Askja zu besuchen, so lange das Wetter noch mitspielt, stellte sich als kluge Entscheidung heraus. Der mal wieder heftig blasende Wind wurde heute nämlich auch noch von so komischen weißen Flocken begleitet. Kaltes, glitschiges Zeug. Igitt.

Widerwillig stimmte ich den anderen zu, unter diesen Umständen einen Off-Tag einzulegen. Im Nachhinein war ich sehr froh darum. Das Wetter wurde im Laufe des Tages immer fieser und schließlich packten wir auch unsere unsere Zelte ein und gönnten uns wieder eine der Hütten auf dem Campingplatz, wo es sich mit Heizung, W-Lan, Pizza und Bier wunderbar aushalten lies.

Diese Entspannung kam uns am nächsten Tag zu gute. Tag 14 der Reise hatte es in sich. Fahrerisch, Wetterisch und am Ende auch stark Alkoholisch.

Doch dazu mehr im 4. Teil…

Teil 2: Ein Traum