Freunde des gepflegten Endurowanderns haben es nicht leicht in Europa. Insbesondere in Deutschland ist dies – zumindest in Verbindung mit einer gewissen Empfänglichkeit für die Einhaltung der örtlichen Wald- und Straßengesetze – nahezu unmöglich. In Thailand nicht.
Außerdem ist Deutschland nicht gerade für sein motorradfreundliches Klima im Dezember bekannt. Thailand schon. 
Auch nennt man Deutschland eher selten „Land des Lächelns“. Thailand schon.

Genügend Gründe also, die Strapazen einer gut zwanzigstündigen Anreise mit Bus, Bahn, Flugzeug und Auto auf sich zu nehmen und diesem asiatischen Königreich mal einen Besuch abzustatten um die Gerüchte des „amazing Thailand“ aus Kradfahrersicht fachmännisch zu überprüfen. 

Kurz nach der Landung in Bangkok die erste Überraschung: Linksverkehr.
Hoppla, daran hatte ich keinen Gedanken verschwendet. OK, es fahren nicht wirklich alle auf der falschen Seite. Ein paar unerschrockene Zeitgenossen, meist rauchend ein Tuktuk steuernd, halten Tapfer die Fahne des korrekten Rechtsfahrgebotes in die Höhe, aber das schien uns die ganze Angelegenheit augenscheinlich nicht wirklich zu vereinfachen.  
Kurze später die nächste Überraschung: ich finde mich in diesem weitestgehend regelbefreiten, wuseligen Linksverkehr nicht nur auf Anhieb gut zurecht, es gefällt mir sogar irgendwie viel besser, als unsere deutsche Straßenordnung. 

Das Fahren im thailändischen Straßenverkehr erinnert mich an das Bummeln durch deutsche Fußgängerzonen: Jeder läuft der Nase nach, aber solange alle die Augen offen halten und Rücksicht nehmen läuft der Verkehr weitestgehend flüssig und unkompliziert. 
Aber letztlich mussten wir uns die meiste Zeit über so komplizierte Dinge wie „rechts“ und „links“ überhaupt keine Gedanken machen. Die Formel zur erfolgreichen Fortbewegung mit Grinsebäckchenfaktor lautete auf unserer Tour abseits des Verkehrs die meiste Zeit schlicht „Gas auf löst Probleme und vor dem Rad ist immer ein Weg“. Naja, meistens. 

Doch der Reihe nach. Die Provinz in der wir hauptsächlich unterwegs waren nennt sich Loei und liegt in der Nordostregion von Thailand (Isan) an der Grenze zu Laos. Landschaftlich besteht das Gebiet aus zwei Bergketten (die wir natürlich auch hauptsächlich ins Visier genommen hatten) und einer zentralen Tiefebene, in der auch die gleichnamige Provinzhauptstadt liegt. Auch die braune Suppe des Mekong fließt hier ein bisschen durch die Gegend und bildet im Norden die Grenze zu Laos.

Das Klima ist dort im Vergleich zum Süden Thailands äußerst angenehm. Wenig Luftfeuchtigkeit und Temperaturen von im Durchschnitt 20° C waren für uns die perfekte Mischung aus Winterflucht-Sommerwetter und Endurosport-Fahrwetter. „Die kühle Landschaft Nordthailands“, wie das Gebiet übersetzt genannt wird, gilt außerdem als eine der letzten ursprünglich erhaltenen Naturgebiete des Landes, was hauptsächlich den vier großen Nationalparks zu verdanken sein dürfte, denn die Landwirtschaft ist hier durchaus sehr aktiv und nicht zu übersehen.

Touristisch ist das Gebiet eher wenig erschlossen. Die riesigen Nationalparks sind, neben den zahlreichen buddhistischen Tempeln, die einzigen nennenswerten Sehenswürdigkeiten. Die sind dann aber auch um so würdiger gesehen zu werden.

In den Nationalparks hausen sogar noch einige recht exotische Tiere. Selbst ein paar freilebende Tiger soll es hier noch geben (womit nicht das beliebte Triumph-Modell gemeint ist, sondern die Schmusekätzchen mit den großen Zähnen). Also alles in allem die perfekte Region zum entspannten Bergwandern. Was wir in gewisser Weise ja auch vor hatten.

Um in den knapp zwei Wochen möglichst viel zu sehen und dabei in bestmöglichen Fahrgenuss zu kommen, schien mir neben gut gewarteten, kleinen Enduros auch ein ortskundiger Guide von Vorteil. Offroadkarten gibt es von der Region so gut wie keine, und wenn, dann überhaupt nur in der Spaghettinudelschrift, die von uns Westeuropäern kaum jemand entschlüsseln kann.
GPS-Tracks sind vielleicht einige zu finden, aber in dem Spinnennetz an Wegen will man ja auch gerne mal was ausprobieren, oder muss einen Umweg fahren, da irgendwelche großen, schweren Viecher mit Nachdruck eine Straßenblockade durchsetzen. Wenn man dann nicht Stunden, oder wenn es ganz blöd läuft in manchen Gebieten auch mal Tage, den richtigen Pfad suchen möchte, ist man mit einem ortskundigen Guide auf jeden Fall gut beraten.

Im Zweifel hat ein Guide, der zudem meistens seine eigenen Enduros vermietet, auch oft deutlich besser gewartetes Material am Start, als ein „anonymer“ Motorradverleih aus der Stadt. Von letzteren bekommt man – insbesondere auch als Farrang, wie hier die Ausländer liebevoll genannt werden – auch schon mal eine Maschine hingestellt, deren Zustand jedem deutschen Graukittel an den Rand einer Herzattacke führen würde. 

Unser zumeist aus Kawasaki KLX 250 bestehender Fuhrpark war jedoch wie erwartet in einem ordentlichen und hochgradig offroadtauglichen Zustand, wofür sich unser Guide, Mechaniker und Gastgeber Alois verantwortlich zeichnete. 

Was die Notwendigkeit eines ortskundigen Guides betrifft, konnten wir dann auch bei einer kleinen Wanderung ohne eines Führers durch den Dschungel schnell verifizieren. Als wir für vielleicht 20 Meter den Weg verließen und uns kurz unterhielten konnte kurz darauf keiner mehr sagen, wo wir hergekommen sind. 
Ein Dschungel ist kein Schwarzwald, wo der größte Orientierungsgau einen Umweg von ein, zwei Stunden bedeutet währenddessen man sich maximal um die Menge des mitgeführten Schnapsvorrates sorgen muss. Dschungel heißt: eine Sicht von zwei bis drei Meter, viele Spuren von oft eher unfreundlichen Tieren und unzählige Blutegel die sich trotz langer Kleidung an den unmöglichsten Körperstellen festbeißen und versuchen einen leer zu nuckeln. 
Wenn dann noch das Sonnenlicht knapp wird und man schon gedanklich das provisorische Nachtlager aus Rambo 2 nachbaut, bekommt das Wort „Verlaufen“ eine ganz andere Bedeutung. Durch die vielen Schluchten und teils undurchdringbares Dickicht ist „immer geradeaus“ auch keine Option.
Wir hatten letztendlich Glück und bevor das Abenteuer ernstlich unangenehm wurde, hatten wir unseren Pfad in die Ziviliation wieder gefunden. 
Die Moral von der Geschicht: Im Dschungel ist ein Führer pflicht, achte auf das Tageslicht und Blutegeln entkommst du nicht.

Aber zurück zur motorisierten landschaftlichen Erkundung der kleinen Provinz des Königreiches: Die Zutatenliste des Straßen- und Wegenetzes in Loei bietet alles was das Motorradherz begehrt: Asphaltierte Passstrassen mit feinen Kehren und einer Kurve nach der anderen, abenteuerliche Singletracks durch den Dschungel, staubige und zerklüftete Feldwege, Furten, abenteuerliche Brücken und ein ständiges auf- und ab in den Bergen mit wahrlich atemberaubenden Aussichten. – Liest sich wie ein abgedroschener Werbespruch des örtlichen Tourismusverbandes, ist aber so. 

Und das Beste: Es erwarten einen tatsächlich überall strahlende Gesichter und freundliche Menschen. Die Bauern auf Ihren Einachsern freuen sich und geben High Five während man sie überholt und dabei leider auch zwangsläufig dafür sorgt, dass sie für hunderte Meter in unseren Staubwolken dahin tuckern müssen. Es wird immer gegrüßt – und wenn man mal ein Finger gezeigt bekommt, ist es nicht der lange Dünne wie man es von unserem Straßenverkehr gewohnt ist, sondern der oder die kleinen dicken. Und zwar immer nach oben, nie nach unten und immer in Verbindung mit einem strahlenden Lachen.
„Land des Lächelns“. Gerücht bestätigt.

Mai Mi Ban Ha. Alles kein Problem. Die allgemeine thailändische Gelassenheit ist ebenfalls sehr angenehm. Immer locker bleiben scheint hier königlich verordnet zu sein. Was passieren soll passiert auch. Vielleicht etwas früher oder etwas später als geplant, aber es funktioniert. Und auch wenn die Restaurant-Bedienung sich nach der Bestellung erstmal wieder in die Hängematte fallen lässt um die Augen auszuruhen, funktioniert die Versorgung auf wundersame Weise trotzdem schneller, als in so manchen sogenannten Schnellrestaurants bei uns. 

Apropos Versorgung: die thailändische Küche ist durchaus auch für weniger experimentierfreudige Gaumen unkomplizierter als ich dachte. Wichtigstes Vokulabular zu Tisch: Ao maï phèt ! (bitte nicht scharf). Dann kann eigentlich nichts schiefgehen und es schmeckt einfach immer lecker. Auch wenn es der optische Anschein der Zubereitungsstätte und der Gerichte das nicht immer unbedingt erwarten lässt. 

Unsere 10-Tagestour war eine Mischung aus Rundreise und Tagestrips. So kamen wir zum Einen ganz gut rum und hatten zum Anderen auch genügend Tage ohne Gepäck für etwas anspruchsvollere Tracks zur Verfügung. Ein perfektes Gleichgewicht von Endurosport, Sightseeing und Erholung. 

Das Gelände und die Topografie bietet für jeden gewünschten Schwierigkeitsgrad mehr als genug Möglichkeiten. Wer hier über- oder unterfordert wird, hat schlicht den falschen Guide bzw. die falsche Gruppe. Nur während oder kurz nach einem Regenschauer sind die Wege, wenn überhaupt, den (sehr) erfahrenen Enduristen vorbehalten, denn dann verwandelt sich der Lehm auf den Wegen in ein dermaßen rutschiges Etwas, dass selbst Schmierseife, Ölspuren und Glatteis vor Neid erblassen würden wenn sie könnten. 

Für ausgedehnte Straßentouren sollte man, nach meinem Dafürhalten, jedoch grundsätzlich ein gesundes Maß an Übung und Erfahrung auf dem Motorrad mitbringen. Nicht nur der Verkehr an sich ist, auch wenn wir uns darin wohl fühlten, doch etwas „spezieller“ als wir in unseren Gefilden gewohnt sind. Auch augenscheinlich perfekte Straßen können in der nächsten Kurve aus einer spontanen Laune heraus mit einem zwei Meter tiefen Schlagloch aufwarten und die unzähligen in den Straßenverkehr integrierten Hunde, Hühner, Schlangen und manchmal auch Elefanten sorgen für einen erhöhten Bedarf an Konzentration und Reaktionsvermögen. Wer hier beim Fahren noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, wird eher wenig Spaß an den großartigen Pässen haben. 

Alles in allem kann ich kaum einen negativen Punkt dieser Destination finden. OK, bei der Erfindung ihrer Schrift und Sprache hätten sie sich für unsere westlichen Ohren und Zungen vielleicht etwas mehr Mühe geben können, aber darüber hinaus hat man in Thailand ein großartiges Gebiet zum entspannten Motorrad fahren. Die Infrastruktur lässt auch in ländlichen Gebieten keine Wünsche offen (hätten wir in Deutschland nur ein halb so gutes Handy- und Internet-Netz, wäre schon viel gewonnen). Tankstellen und Essensbuden sind auf dem Land natürlich etwas rustikaler, aber immerhin überall vorhanden. Die Landschaft ist wunderschön und die Leute sehr freundlich und angenehm. Hinzu kommen die im Vergleich zu Europa sehr niedrigen Kosten für Verpflegung und Unterkunft. 
Kurz: eine absolute Empfehlung, nicht nur für Enduristen.